

Wir sind ziemlich abgehärtet
Die Ärzte aus Berlin bezeichnen sich selbstironisch als „Die beste Band der Welt“. Auf ihrem neuen Album „auch“ klingt das Trio jedenfalls frischer, frecher und fröhlicher als man nach 30 erfolgreichen Jahren im Musikgeschäft erwarten würde. Wir sprachen mit Sänger und Gitarrist Farin Urlaub alias Jan Vetter (48) über Schleimer, den Kult um Die Ärzte und verpasste Gelegenheiten.
SZENE: Mit herrlich selbstironischen Liedern wie „Ist das noch Punkrock?“ und „zeiDverschwÄndung“ wendet ihr euch diesmal direkt an eure Fans. Findet ihr das Ausmaß eurer Verehrung übertrieben?
FARIN URLAUB: Welche Band hat schon die Chuzpe, als allerersten Song eine Nummer zu nehmen, in der die Fans angesprochen werden: Haben die nichts Besseres zu tun, als die Die Ärzte zu hören? Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Leute zu unseren Konzerten kommen. Darüber freue ich mich natürlich total. Mich wundert es, dass wir es immer noch nicht geschafft haben, mal ein Album zu machen, bei dem alle zuhause bleiben.
SZENE: Wahrscheinlich müsstet ihr schon ein richtiges Jazz-Album machen, um eure Fans zu verschrecken?
URLAUB: Ja, kann sein. Vielleicht machen wir das sogar mal. Hahaha. Aber von diesem Kult um Die Ärzte kriege ich gar nicht so viel mit.
SZENE: Schürt ihr den Kult nicht bewusst, indem ihr spezielle Fan-Alben veröffentlicht oder Tourneen unter anderem Namen spielt?
URLAUB: Das tun wir, weil es uns Spaß macht. Als Die Ärzte können wir nicht in so kleinen Venues spielen. Da würde es ernsthaft Verletzte geben, was wir natürlich nicht wollen. Vieles, was wahrscheinlich so Fan-nah rüberkommt, hat damit zu tun, dass wir selber Fans von Die Ärzte sind. Glücklicherweise sind wir in der Lage, genau die Produkte herstellen zu können, die wir selbst auch sehen wollen.
SZENE: In „Freundschaft ist Kunst“ singt Bela B. über Leute, die sich gern im Glanz von Künstlern sonnen. Je berühmter ein Mensch ist, desto mehr Leute heften sich an seine Fersen. Wie geht ihr damit um?
URLAUB: Jeder von uns hat da seine eigenen Methoden. Wir sind in der Hinsicht ziemlich abgehärtet. Ich habe wenige echte Freunde, und die habe ich alle schon seit den 1980er Jahren. Schleimer und Arschlecker haben keine Chance, da reinzugrätschen.
SZENE: Müsste in diesem Jahr nicht eigentlich eine große Party zum 30-jährigen Jubiläum von "Die Ärzte" steigen?
URLAUB: Das Jubiläum interessiert uns nicht so. Wir sind viel zu vorwärtsgewandt, um uns in vergangenem Glanz zu suhlen. Wir müssen es immer wieder neu rechtfertigen, dass wir wirklich Die Beste Band der Welt sind. Das geht nur, indem wir etwas Neues machen und nicht unsere besten Stücke mit Streichern neu aufnehmen. Wobei - das haben wir ja auch schon mal gemacht...
SZENE: In der Popkritik war immer mal wieder die Rede vom Tod des Rock’n Roll. Tatsächlich hat man eher das Gefühl, dass dieses Genre enorm lebendig ist.
URLAUB: Der Rock’n Roll wurde schon so oft für tot erklärt. Nicht zuletzt auch von uns selbst. Auf dieser Tour wollen wir ihm endgültig den Todesstoß versetzen.
SZENE: Und wie werdet ihr euch live präsentieren?
URLAUB: Wir wollen es diesmal zu dritt versuchen: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Jetzt mal eine ganz neue Vorgehensweise. Ein bisschen gewagt, die Leute sind natürlich die Synthies gewohnt, aber wir wollen es jetzt mal ohne versuchen.
SZENE: Warum ist die Konstellation Gitarre, Bass, Schlagzeug immer noch unschlagbar?
URLAUB: Wahrscheinlich, weil es das einfachste ist. Das sind halt die Instrumente, die am ehesten rumstehen. Einen Flügel hat ja kaum jemand, und ein Flügelhorn noch weniger. Eine Gitarre hingegen steht in vielen Haushalten, aber die Schlagzeuge werden immer weniger. Kann sein, dass man sie in zehn Jahren komplett vergessen hat. Aber dann sind wir ja noch da. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit dem Computer so schöne Feedbacks hinkriegen kann.
SZENE: Wie würdest du die spezielle Chemie der Band beschreiben?
URLAUB: Das müsstest du mir eigentlich erklären. In dem Augenblick, wo man versucht, eine Erklärung zu finden, findet man vielleicht eine Formel, und dann läuft sich das Ganze plötzlich tot. Theatralisch könnte man es vielleicht so formulieren: wir erfinden uns immer wieder neu. Aber so sehe ich es gar nicht. Wir machen halt das, worauf wir gerade Lust haben. Zum Glück haben wir immer wieder auf andere Sachen Lust.
SZENE: Wie viel Routine steckt in der Arbeit mit einer Band, die seit 30 Jahren existiert?
URLAUB: Wir machen sehr lange Pausen, so dass man danach immer erst wieder reinfinden muss. Natürlich gibt es gewisse Arbeitsweisen, die sich im Studio bewährt haben. Dafür, dass wir live so viel quatschen, sind wir im Studio ziemlich zielorientiert.
SZENE: Es gibt die Legende, dass jeder Produzent im Studio mindestens ein spätes Beatles- Album als "Nachschlagewerk" stets griffbereit hat. War das bei dir der Fall?
URLAUB: Das brauchen wir gar nicht. Rod und ich haben sämtliche Beatles-Alben ständig im Kopf. Es gibt keinen Ton, den wir nicht irgendwie parat haben. Bei Bela ist es etwas anderes. Ich bin mit den Beatles aufgewachsen, es war einfach die größte Band. Das heißt nicht, dass ich nichts anderes höre, um Himmels Willen. Aber wenn ich die Beatles höre, dann ist das wirklich wie nach Hause kommen.
SZENE: Ist das Musikmachen heute noch genauso prickelnd wie vor 30 Jahren, als sich alles neu anfühlte und irgendwie revolutionär war?
URLAUB: Es ist etwas ganz anderes. Einerseits haben wir immer noch unsere kleine Revolution. Wir versuchen uns ja den Marktmechanismen soweit es geht zu verweigern. Natürlich bringen wir noch Alben raus, aber wie wir es machen, wie wir sie verpacken und was da drauf ist, ist alles andere als Mainstream. Es gibt ein paar Dinge, die heute besser sind, aber manches nervt mich mittlerweile.
SZENE: Was nervt dich an deinem Beruf?
URLAUB: Was mich nervt, ist der Umstand, dass es keine Geheimnisse mehr gibt. In dem Augenblick, wo du irgendwas rausschickst, stellt es irgendein Schlaumeier ins Internet. Früher konntest du das Publikum mit einer schönen Setlist bei jedem Konzert überraschen. Jetzt filmen die Leute dein ganzes Konzert ab und stellen es ins Internet. Wir haben das Glück, dass alle unsere Ansagen vielleicht nicht immer gut, aber wenigstens spontan sind. Im Prinzip müssten wir jeden Tag eine neue Setlist schreiben, aber das ist unglaublich aufwendig. Die Leute kommen eigentlich nur noch, um ihre Erwartungen zu befriedigen. Das ist schlechter als früher.
SZENE: Und was ist heute besser?
URLAUB: Wir sind viel berühmter. Wir sitzen bei vielen Entscheidungen an einem sehr langen Hebel. Monetäre Interessen können wir einfach mal hinten anstellen. Wir wollten zum Beispiel unbedingt ein Konzert für Frauen und eins nur für Männer spielen, was wir im Dezember auch gemacht haben. Am Ende haben wir richtig fett draufgezahlt – weil es uns der Spaß wert war. Früher wäre so etwas nicht gegangen, weil A: das Geld nicht da war und B: die Plattenfirma gesagt hätte, dass wir spinnen.
SZENE: Bereust Du es eigentlich, niemals in der DDR aufgetreten zu sein?
URLAUB: Ja, total. Das ist eine der wenigen Sachen, die ich wirklich bereue. Es gab mal den Plan, aber wir haben aus irgendeinem Grund zurückgezuckt. Wären wir mehr hinterher gewesen, hätte es sicher auch geklappt. Und dann haben wir uns aufgelöst, die Mauer ist gefallen und es war zu spät.
SZENE: Ansonsten gibt es für Euch im Blick zurück überhaupt keine bitteren Erinnerungen?
URLAUB: Wir haben natürlich auch Fehler gemacht, die wir danach bereut haben. Ein Fehler war zum Beispiel, die Verlagsrechte an den alten Songs zu verkaufen – und zwar viel zu billig. Was soll’s. Aber es piesackt mich noch. Aber wenn das alle meine Sorgen sind, dann habe ich wenig Sorgen. Guck dir mal an, wo wir heute stehen. Das ist doch unfassbar. Was soll ich denn da schlecht finden?
SZENE: Am 15. November 2011 kündigte euer Manager Axel Schulz in einem offenen Brief an den Fanclub eine offizielle Band-Pause an. Das neue Album sowie die diesjährige Tour soll auf "unabsehbar lange Zeit" die letzte gemeinsame Aktivität bleiben. Muss man sich Sorgen machen?
URLAUB: Das war ein bisschen Quatsch. Ich weiß nicht, was ihn da geritten hat. Ich glaube, er wollte vermeiden, dass die Fanclubs eine lange Durststrecke überstehen müssen. So wie es im Augenblick aussieht, werden wir auch nächstes Jahr wieder irgendwas machen. Vorausgesetzt, es will uns noch jemand sehen.
Interview: Olaf Neumann
www.bademeister.com
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