

Martin Graupner spricht mit Deichkind über Deichkind, über das neue Album und über Anarchie.
SZENE: Wenn man mal hinter der Bühne ist, sieht man, dass ihr mit Trailern ankommt, die bis an die Decke voll sind mit Bastelkram und Spielzeug. Das ist ganz normal bei euch?
DEICHKIND: Joh schon. Wir haben so ganze Lagerhallen voll mit Trash. Und da können wir einfach rein greifen. Auch bei so Promo-Tours. Da steht irgendwo so ein großes Glücksrad. Wir haben einen Fundus mittlerweile, in Lagerhallen. Ja, einen riesen Kindergarten eigentlich. Da wird einfach reingegrapscht und dann is gut. Irgendwann können wir daraus ein Deichkind-Museum machen.
SZENE: Wie entsteht das ganze Zeug?
DEICHKIND: Das machen wir hauptsächlich selber. Wir kaufen uns ja keine Show. Auch die Platinen für die LED-Helme: Mit Schaltplan werden die gelötet und dann werden die Platinen im Backofen gebrannt.
SZENE: Was hat das mit der Pyramide auf sich?
DEICHKIND: Da waren wir damals in Würzburg. Und da ist so ein Typ in den Backstage gekommen, der hatte so ne Voodoo-Klamotte an und der hat uns die gegeben und gesagt: Damit werdet ihr erfolgreich. Der hat sich Dr. Eisenhahn genannt.
SZENE: Mich erinnert die Pyramide immer an so eine Art Ziggy Stardust Version vom Stargate.
DEICHKIND: Damit spielen Bands immer gern. Seit dem ist es aber auch wirklich aufwärts gegangen mit Deichkind. Vorher waren wir ja in einem tiefen Loch und wussten nicht, wie es weitergeht, wir persönlich auch ein bisschen angeknackst waren, aber Deichkind hat uns immer Halt gegeben und so sind wir damit langsam empor gestiegen.
SZENE: Seit 12 Jahren spielt ihr bei Deichkind. Im Februar erscheint euer fünftes Studioalbum.
DEICHKIND: Das ist auch krass. Fünf Alben. Es gibt ja so Leute, die ihr Leben ständig ändern. Mein Schwager, der ist so Versicherungskaufmann. Und alle drei Jahre wechselt der seinen Arbeitgeber. Das macht man in der Branche so, wenn man wirklich erfolgreich sein will. Und ich hab heut morgen geduscht und hab gedacht: Krass, ich mach das seit zwölf Jahren und fünf Alben, eigentlich ja noch länger, immer den gleichen Scheiß. Aber man wird dann auch legerer und lockerer. Beim ersten Album war ich auch oft sehr verspannt und so.
SZENE: Was sind die wichtigsten Entwicklungen auf dem neuen Album? Ist das wieder als Party-Gemälde angelegt, wie man das von euch kennt?
DEICHKIND: Ja, das ist ein Pary-Gemälde auf jeden Fall.
SZENE: Gibt es eine Geschichte zur Entstehung?
DEICHKIND: Wir sind natürlich so ne faule Band, die immer ein bisschen braucht, um in die Gänge zu kommen. Und gerade nach Jahren der Zusammenarbeit ist man ja nicht mehr wie beim ersten Album, dass man automatisch zusammen kommt. Man muss sich dann schon ein bisschen zusammen reißen. Wir haben uns dann einfach mal zwei Wochen eingesperrt in Mecklenburg-Vorpommern in so einem Haus. Siegmund Jähn hat nämlich in dem Haus gewohnt. Das ist der erste Deutsche im All. Der hat da auch immer Urlaub gemacht, schön mit Tee und Linoleumfußboden und Holzvertäfelung und so. Das war sehr karg und hart. Wir hatten auch kein Internet. Und dort haben wir uns eingesperrt. Das brauchen wir auch. Letztes Mal waren wir zum Beispiel bei Scooter im Studio. Das ist über einer Bäckerei. Und da kamen dann immer Kinder nach der Schule und haben gerufen: Scooooter! Scooooter! Das ist da alles auch ein bisschen übertrieben. Technisch alles auf dem neuesten Stand, überall Synthesizer und 19-Zoll-Dreck und das klingt dann natürlich auch immer alles gleich. Da hatten wir diesmal nicht so Bock drauf und waren in einem Studio, wo uns keiner kennt. Und immer gleich klingen wollen wir auch nicht. Wir haben uns überlegt: Wollen wir uns verändern oder so bleiben, wie wir sind, aber die Leute wollen von uns wahrscheinlich auch keine Singer/Songwriter-Platte haben, sondern Party. Es ist immer ein Mittelding zwischen dem was man selber gut findet und die Fans erwarten. Das ist immer ein schmaler Grat bei einer Albumproduktion. Viele Fragen, die man sich stellt.
SZENE: Was ist das, was ihr selbst gut findet?
DEICHKIND: Och, aller möglicher Kram. Paul Simon hör ich gerne. Aber das kann ich nicht machen. Da kann ich mal ne Solo-Platte machen, aber Deichkind ist ja ne richtige Industrie und da müssen wir den richtigen Sound bringen. Und Singer/Songwriter mach ich dann lieber mal für mich. Und wenn die Leute das toll finden, dann kaufen die das und wenn nicht, ist das auch nicht so wild.
SZENE: ›Illegale Fans‹ ist der erste veröffentlichte Song von dem neuen Album. Das ist ein ziemlich starker Song.
DEICHKIND: Ich find auch, der hat Power. Da sagt man richtig was. Dieser Begriff flog so im Raum rum und den wollten wir irgendwie vertonen.
SZENE: Der Song klingt für mich politischer als die anderen Songs.
DEICHKIND: Das sind halt Kids, die geil was downloaden und drauf scheißen, was andere Leute denken. Ist das politisch?
SZENE: Das war für mich schwer auszumachen, ob das Politische nur ein Sound ist, da schwer ist zu sagen, wo genau der Song ironisch ist und wo nicht.
DEICHKIND: Alle unsere Songs sind ja nicht nur komisch. Da steckt ja immer auch etwas dahinter.
SZENE: Bei dem Song hatte ich auch das Gefühl, dass ihr, wie schon auf den vorigen Alben, rücksichtslos ein Lebensgefühl reflektiert.
DEICHKIND: Das hast du gut beobachtet. Das ist ein Lebensgefühl. Das sind Kids, die denken so. Plattenfirmen können da vielleicht auch drüber meckern, aber es ist eben die Realität.
SZENE: Trotzdem steht ja die Frage im Raum, welche Position ihr habt neben dem Inhalt des Songs. Ob ihr also nur dieses Lebensgefühl reflektiert oder ob ihr eine andere Position habt zu Copyrights und Downloads.
DEICHKIND: Natürlich sind wir als Künstler an den GEMA-Einnahmen interessiert. Aber wir stellen uns einfach der Realität. Wir versuchen einen Weg zu finden durch diese Misere, die da gerade stattfindet, was Plattenverkäufe betrifft. Und uns geht’s hauptsächlich erst mal darum, Musik zu machen und irgendwann regelt sich das bestimmt. Aber ich kann jetzt nicht meine Fans beschimpfen und sagen: Du! Du! Ihr dürft meine Musik nicht runterladen. Das Internet ist für uns ja auch ein Segen. Heute ist man viel näher am Fan dran als früher. Das ist eine tolle Entwicklung und wenn man sich dagegen sträubt, ist man auch ein bisschen verloren.
SZENE: Also ist das politische Geräusch in den Songs dann doch nicht nur ironisch.
DEICHKIND: Nö, natürlich nicht.
SZENE: Und das finde ich stärker als zum Beispiel in eurem Song ›Hört die Signale‹. »Ein Hoch auf die internationale Getränkequalität. Ein Hoch auf die Säufer-Solidarität«. Da seid ihr eben trotz politischen Sounds viel offensiver mit eurer Ironie.
DEICHKIND: Klar, das war noch spackiger als Illegale Fans, aber wir sind ja auch ne Spacken-Band und deswegen ist das auch immer alles in Ordnung. Gerade ›Hört die Signale‹ ist ein Traum live. Da feiern die Fans richtig ab.
SZENE: Auch bei ›Remmidemmi‹ war der Krawall noch Teil von Party. Und in ›Illegale Fans‹ singt ihr: »Das hier ist kein Klingelstreich. Das ist Anarchie.«
DEICHKIND: Das muss auf die Plattenfirmen auch so wirken. Die Leute machen das einfach, ohne dass sie es dürfen und in Massen.
SZENE: Was glaubt ihr, wie oberflächlich ist diese Anarchie?
DEICHKIND: Da darf man gar nicht so verkopft herangehen. Wir sprechen ja immer noch in der dritten Person eines illegalen Fans. Und da ist das eine selbstgemachte Freiheit, die jemand durchsetzt, wenn der am Rippen ist und so und sich nicht bieten lässt, für Sachen zu bezahlen oder Leuten Geld in den Rachen zu stecken. Er ist sozusagen Computer-Punk. Mehr hat das gar nicht zu bedeuten.
SZENE: Ihr habt also kein anarchisches Konzept?
DEICHKIND: Wir haben kein anarchisches Konzept. Nur anarchische Anwandlungen in unserer Handlungsweise in unserem Deichkind-Universum. Ich bin ja auch mehr so ein 80er-Jahre Punk-Typ, der mit Anarchie groß geworden ist, aber ich hab mir auch eher das A im Kreis auf den Schuh geschrieben, weil es gut aussah. Wir wollen uns gar nicht tiefgründiger damit auseinandersetzen. Wir sind ja keine Zeigefinger-Band. Der Entertainment-Faktor steht immer im Vordergrund und die Songs entstehen auch immer für die Bühne.
SZENE: Die Diskurs-Operette: das war ein avantgardistisches , selbstreflektives Theaterprojekt von euch …
DEICHKIND: Die haben wir abgehakt. War ne tolle Erfahrung, aber auch ne psychische Belastung. Ein Drittel hatte Bock das weiter zu führen und zwei Drittel waren nach dem ganzen Theater-Krims-Krams einfach durch mit dem Thema und haben gesagt: Schuster bleib bei deinen Leisten. Wir machen wieder das, was wir am besten können.
SZENE: Ich mag die Vielseitigkeit sehr gern.
DEICHKIND: Dafür passieren dann anderen Sachen. Zum Beispiel die ›Einstürzenden Hüpfburgen‹. Das ist so ne Art Deichkind-Sitkom. So ne Art Serie, die von Ulmen produziert wird. Das ist so ne Sache, denn wir wollen ja auch nicht den Erwartungen entsprechen. Man möchte ja auch mit dem, was man erreicht hat, ein bisschen herum experimentieren. Und so kommen eben immer neue Sachen dazu.
SZENE: Ihr habt einmal beim Bundesvison-Song Contest Mecklenburg-Vorpommern vertreten. Das war mit dem Song ›Electric Super Dance Band‹. War der Song ernst gemeint, so, wie er aufgeführt wurde, oder war das auch ein Kommentar zur Veranstaltung?
DEICHKIND: Ne, da wollte man schon gewinnen. Und dann so: Ööh, letzter Platz. Da wussten wir auch noch nicht, wo es hin geht. ›Remmidemmi‹ war noch nicht draußen. Das war eigentlich das Ende der Band. Man wollte das ja eigentlich an die Wand fahren alles und hat sich dann gewundert, dass es durch die Wand durch gefahren ist. Der Erfolg kam ja erst danach mit der Liveshow. Bundesvision hat uns so den Überfuckfinger verliehen, das i-Tüpfelchen auf dem Gefühl, dass alles vorbei ist. So dass wir nur noch Punk gemacht haben und danach kam erst der richtige Erfolg.
SZENE: Vielen Dank für das Interview.
DEICHKIND: Ja geil. Danke dir!
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