Martin Graupner spricht mit Annett Louisan über Annett Louisan, die Aussichten der Emanzipation und den Zustand deutscher Kultur.
SZENE: Mit dem neuen Album schließt du klanglich und inhaltlich an ›Teilzeithippie‹, das vorige Album, an.
ANNETT LOUISAN: Ich mag Musik, die nicht beim Bügeln stört. Manche Leute sagen, denen fehlt so ein bisschen der Wortwitz. Für mich war das ganz bewusst, dass ich weniger Zynismus wollte. Manchmal gibt es Situationen, wo man auch die Enden ein bisschen offen lassen muss. Das wirkt roher, vielleicht auch puristischer. Wir hatten diesmal auch die Möglichkeit, das Ganze gemeinsam live einzuspielen. Klar, das ist nicht so zurecht gemacht, aber ich finde, das hält länger.
SZENE: Wenn jedes Instrument einzeln eingespielt wird, kann alles perfekt eingerichtet und zusammengebaut werden. Das wird schnell ein bisschen glatt.
ANNETT LOUISAN: Dazu gibt es übrigens Anfang Oktober auch noch einmal eine Special Edition. Einzeln oder als Box. Und da gibt es sechs neue Songs, die eigentlich noch in der Zeit von ›In meiner Mitte‹ entstanden sind, aber noch ein bisschen Zeit brauchten. Und eine DVD ist auch noch dabei. Und zwar mit Live-Material in meiner Küche. Wir haben ein Mikrofon in die Mitte gestellt. Der Leiseste kam nach vorn, der Lauteste nach hinten, so, wie früher aufgenommen wurde. Und das ist sehr schön geworden. Egal, wie der Raum klingt. Jedes Klappern ist mit dabei. Und da würde ich gern noch viel mehr in so eine Richtung machen.
SZENE: Du machst vor allem Chansons, Blues. Welche ist die andere Annett Louisan? Was dürfte bei Deinem persönlichen Musikgeschmack am ehesten überraschen.
ANNETT LOUISAN: Andrea Berg … Nee! Naja, ein Lied finde ich vielleicht ganz süß. Aber sonst? Nee. Aber ich finde auch, solange es Menschen gibt, die dabei etwas empfinden, hab ich kein Recht, das zu bewerten. Musik ist so sehr Geschmackssache. Manche wollen halt überrascht werden und andere möchten auf den Punkt hören, was sie selbst denken. Musik hat ja auch viel mit einem geschulten Ohr zu tun. Ich war zum Beispiel viel in der Türkei, durch meinen Ex-Mann. Und obwohl ich schon viel Musik gehört hab, war ich mit diesen Gesängen nicht bekannt. Ich hab dann versucht, das so zu singen und das fiel mir unheimlich schwer. Im Gegenzug hab ich da auch Musiker kennengelernt, die dann diese europäische Popmusik nicht singen konnten.
Klar, es gibt Leute, die hatten eine gute Musikerziehung. Die sind mit Bach und Mozart aufgewachsen. Bei mir Zuhause lief zwar das Radio, aber so etwas wie Jazz oder experimentelle Musik kamen dann erst später dazu. Ich bin mit Schlager aufgewachsen. Ja, natürlich auch mit den Beatles, mit Prince, aber eben mit dem, was da im Radio lief. Das Ohr ist dann eben geschult oder nicht.
Berührungen finden aber woanders statt. Ich finde es eine große Kunst, einfach sehr tief gehen zu können. Annette Humpe zum Beispiel. Die schafft es, nicht so lange rumlabern zu müssen. Und trotzdem trifft sie. Und sie trifft mit Sinn und Verstand. Grad in Deutschland muss man immer über diese intellektuelle Ecke kommen, damit die Leute das Gefühl haben, das hätte Qualität. Das ist auch überall anders. Den Pathos im Englischen zum Beispiel kann man ganz anders einsetzen.
SZENE: Man gerät nicht so schnell in den Kitschverdacht.
ANNETT LOUISAN: Genau.
SZENE: Deine Stimme transportiert viel Emotionalität. Ich selbst assoziiere mit deiner Stimme aber viel eher Erotisches als konkretes Gefühl. Sieht man in die Texte, entdeckt man allerdings nicht so viel Erotik. Wie kommt das?
ANNETT LOUISAN: Ich hab nichts dagegen. Jeder ist ja auch anders. Der eine ist kühler, der andere wärmer. Manche möchten das nicht so offensichtlich zeigen. Ich hab keine Probleme damit. Ich hab mal eine Sängerin getroffen, die meinte, sie wollte auf gar keinen Fall erotisch klingen. Bei mir war das sehr lange eher unterbewusst. Ich bin auch ein Mensch, der selten ein Blatt vor den Mund nimmt und ich kann auch so gut in Fettnäpfchen treten. Dann passt das auch zu mir. Dann ist das schon wieder authentisch.
SZENE: In deinem neuen Album geht es um verschiedene Paarsituationen. Um den selbstbestimmten Entzug von einem Partner, der Suche nach einem Mr. Big. Zweiten Chancen. Der Überforderung mit eigenen Emotionen. Das ist ja alles nicht Sehnsucht oder schmachtende Beschreibung eines Idealbildes. Im Gegenteil klingt das für mich ganz stark und aufgeklärt. Also trotz des romantischen Klangs auch emanzipiert. Ohne aber darum männlicher zu sein. Dagegen bestätigst du eher eine weibliche Stärke.
ANNETT LOUISAN: Die Leute haben das oft anders verstanden. Die haben das umgedreht. ›Oh, Annett Louisan zeigt sich verletzlicher.‹ Aber Verletzlichkeit zu zeigen, hat eben auch was mit Ehrlichkeit zu tun und das ist dann ne Stärke. Aber immer auch mit Hoffnung und reflektiert. Das hat auch etwas mit dem älter werden zu tun. Mit 26 hatte ich bestimmt mehr Probleme damit, auch mal zuzugeben, dass ich unsicher bin. Und da hab ich dann immer so getan, als wär aller super. ›Hey komm! Du erzählst mir nichts.‹ Und das ist eine Lüge.
SZENE: Ich sehe da aber trotzdem eine Spannung. Ich glaube, dass diese Form der Aufklärung oder Emanzipation insbesondere in gebildeteren Schichten der Gesellschaft möglich ist. In weniger gebildeten Schichten begegnet man sich - betrachtet man das mal aus der Schublade heraus - doch eher mit Fäusten, anstatt seine Sensibilität zu kultivieren. Ist also eine ›weibliche‹ Emanzipation der Frau langfristig wahrscheinlich?
ANNETT LOUISAN: Ich denke schon. Weil die Geschlechter sich wahrscheinlich auch immer mehr ähneln werden. Und dass es eher auf den Typ Mensch ankommt. Den Charakter und seine Erfahrungen. Ich glaube auch, wir werden eher immer mehr zu Freaks, ob Mann oder Frau, was eher mit unserer Geschichte zu tun hat und dem, was auf unserem Blatt steht. Wenn wir noch eine Weile im Wohlstand leben und die Möglichkeit haben, uns selbst zu verwirklichen, freie Entscheidungen treffen zu können, dann wird das immer weiter voran schreiten und irgendwann auch immer egaler werden. Wichtiger wird dann, wen man findet und mit wem man zusammen passt. Ich glaube sowieso, dass das größte Glück ist, wenn man einen Menschen hat, mit dem man alle Facetten ausleben kann. Und wir haben so viele in uns. Ich bin jetzt 34 und hab schon so viele entdeckt. Und ich hab schon so viele Leben gelebt und schon so viele Schuhe angezogen und Sachen anprobiert und Gefühle. Und hab dann meistens draus gelernt, was ich nicht will. Aber ich glaube auch, dass wir alle fast immer alles in uns tragen. Das Gute und das Böse. Und dass wir glücklich werden können, wenn wir mal stark sein können und mal schwach und uns miteinander verändern. Wenn wir die Rollen aufbrechen, das Devote und das Dominante. Ob das der Mann ist oder die Frau ist völlig egal. Das ist austauschbar.
SZENE: Ich frage besser nicht, was du bist.
ANNETT LOUISAN: Also ich kann beides sein und das ganz unterschiedlich. Ich bin grad ein großer Harmoniemensch, aber ich bin auch Jägerin. Und das nicht nur auf die Liebe bezogen. Ich bin sehr ehrgeizig. Und trotzdem hab ich oft das Gefühl, ich kann nicht ehrlich sein und nicht das sagen, was ich gern möchte. Obwohl ich auch das Gefühl hab, dass das besser wird. Wie passt das zusammen? So eindeutig ist das eben doch nicht. Das ist paradox. Die Dinge vor denen ich am meisten Angst hatte, das waren die Dinge, die mich immer am glücklichsten gemacht haben. Und da will ich ran.
SZENE: Ich mach mal einen kleinen Sprung. Frankreich: Dein Künstlername, den du vom Namen deiner Großmutter entlehnt hast, du bedienst eine französische Ästhetik, zum Beispiel mit Albumtiteln wie Bohème, Covern wie bei Teilzeithippie, die Fotos in deinem neuen Album. Insgesamt stehst du den französischen Chansons näher als der angloamerikanischen Tradition des Singer/Songwriter. Du spielst mit diesen Bildern und Formen sehr gern. Ist das bei dir rein ästhetisch, weil es so schön und so verspielt ist oder gibt es noch mehr, was dieses Französische für dich auszeichnet?
ANNETT LOUISAN: Jeder Mensch hat eine persönliche Vorstellung von Paris. Nicht umsonst ist Paris die Touristenstadt Nummer Eins. Die Stadt der Romantik. Und ich war schon immer eine große Romantikerin. Ich bin mit französischen Filmen und französischer Musik aufgewachsen, so sehr das in Ostdeutschland erlaubt war. Das hat mich sehr beeinflusst. Und ich wollte das machen, was ich sowieso will. Ich hab da keine Angst vor Klischees. Der neue Woody Allen Film zum Beispiel ist toll, da möchte man sofort nach Paris.
SZENE: Dabei fällt mir ein, in der Sammlung der Criterion Edition, die Filme für die Zukunft aufbewahrt, befinden sich 164 französische Filme und nur 16 deutsche. Gibt es da einen kulturellen Vorsprung beim Film?
ANNETT LOUISAN: Also ja, wir Deutschen haben unsere Geschichte. Dafür müssen wir bluten.
Darum machen wir Komödien?
ANNETT LOUISAN: Ja, das versuchen wir zumindest. Aber ja, das war ein Bruch im Selbstbewusstsein. Viele haben damals Deutschland verlassen. Angefangen bei Marlene Dietrich oder…
SZENE: … Fritz Lang.
ANNETT LOUISAN: Genau. Also, das heißt ja nicht, dass wir es nicht könnten, aber es braucht Zeit, dass sich etwas Neues aufbaut und entwickelt. Anders als die Deutschen hatten die Franzosen aber auch mehr Zeit, das zu pflegen und zu fördern. Da ist mehr Selbstbewusstsein da, dass sie sich trauen und das machen. Das ist ja auch in Ordnung, das ist ja auch ein bisschen sexy, frech zu sein. Aber das kommt in Deutschland auch. Nur anders.
SZENE: Annett Louisan, vielen Dank für das Gespräch.
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