

Mecklenburg ist voll von Schlösschen und Gutshäusern. In kaum einem Land stehen diese beeindruckenden Gebäude so dicht beieinander. Resultat einer langen und fürstlichen Geschichte geringer Verstädterung. Wir wollen über mehrere Monate einige dieser Häuser vorstellen, die am 16. Juni 2012 wieder an einem der herausragenden Kulturevents Mecklenburgs teilnehmen: der Mittsommer-Remise; wenn man in der kürzesten Nacht des Jahres unser kulturelles Erbe anhand ausgewählter Häuser besichtigen kann, zu gutem Essen, Musik, Führungen und Lagerfeuern.
Das erste Gutshaus, das wir besuchen, steht in Rensow, das liegt gleich bei Prebberede, also mitten in der mecklenburgischen Provinz, wo alles ein klein bisschen nach Aufbruch aussieht, soweit es aus dem grauen Putz von 40 Jahren DDR geschlagen ist und noch ein Dach hat. Das sind Orte, die heute so still sind, dass auch unser Navigationsgerät uns erst in ein anderes Dorf schickt. Auch dort stehen wie zufällig gleich mehrere dieser Herrenhäuser. Als wollte das Land sich mitteilen, dass es hier einmal ganz merkwürdig verschwenderisch war.
Gut Rensow ist zum großen Teil restauriert und mit antiken Möbeln liebevoll eingerichtet. Die Fassade ist gestrichen, das erhaltene Fachwerk freigelegt. Das sieht traumhaft aus. Doch der Bau verkapselt auch die Geschichte des Landes: Im 9. Jahrhundert stand an der Stelle eine wendische Rückzugsburg. Auf deren Fundament entstand im Mittelalter der nächste Bau, um 1690 wurde dann das heutige Gebäude im Stil des frühen, ländlichen Barock auf den Gewölbekellern des alten errichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnten darin Menschen, die vertrieben wurden, nachdem der Besitzer selbst enteignet und vertrieben worden war, danach war in dem Haus ein Kindergarten und eine Kantine der LPG.
Von der wendischen Burg ist heute genauso viel zu sehen, wie von dem Kindergarten. Der Hausherr zeigt auf eine Welle im Gelände und erzählt, dass er für den Park Teile des Walls wiederherstellen möchte. Nein, das wird kein englischer Landschaftsgarten. Das soll auch offen werden, ohne Zäune oder Begrenzungen. Das Haus und der Park sollen einladen. Er zeigt uns dann seinen eiszeitlichen Tümpel, der sichtbar wird, weil Hausherr und Hausdame ihn momentan vom Gestrüpp und Müll befreien. Vor ein paar Jahren standen da noch zwei Meter hoch die Brennesseln. Ein roter Bagger ist gerade bei der Arbeit stecken geblieben.
Viele der Gutshäuser in Mecklenburg sind unbewohnt, stürzen ein, werden Ziel von Vandalismus, verdrecken als Müllhalde. Und das, obwohl sie noch günstig zu haben sind. Aber daraus wieder ein Herrenhaus zu machen, ist eine teure Aufgabe. Und Güter wie Rensow haben Glück, dass sie Menschen haben, die das Haus zu ihrem Lebensmittelpunkt erklärt haben und darin alles investieren.
Christina und Knut sind die neuen Gutsherren und sie erzählen uns, dass zwei Alkoholiker hier bis 2006 mit gelebt haben. Erna war Melkerin und Hubert Traktorist. Davon, wie Hubert sich geschnitten hatte und mit blutenden Händen an der Wand abstützte, so dass überall seine Handabdrücke zu sehen waren. Wie er einmal sturzbetrunken aus dem Fenster fiel und ihm kleine Steine aus dem Rücken operiert werden mussten. Nicht weil er in die Steine gefallen wäre, aber weil seine betrunkenen Freunde ihn zum Arzt schliffen. Irgendwie ist es auch gut, dass die beiden nicht mehr da sind, sagen die zwei. Fast so, als müssten sie sich dafür entschuldigen.
Erst kamen beide nur an den Wochenenden aus Kopenhagen, bauten weiter am Haus, stellten über die Woche zwei Männer für 400 € ein, um Arbeiten zu machen. Jetzt sind sie angekommen mit ihren Kindern und einem ›wilden‹ Hund. Sie erzählen, dass so ein Haus nie ganz fertig sein kann. Nach einem Projekt kommt das nächste. Ein daneben stehendes Haus, verbaut in sozialistischen Einheits-Charme, soll eigentlich aus der Zeit des Barock stammen. Das wird auch mal restauriert. Auf der anderen Seite stand das gleiche, das sollte auch irgendwann wieder da hin. Der Park, das Dach, die Inneneinrichtung, eine Backstube soll entstehen, irgendwann muss auch wieder etwas restauriert werden. Und überhaupt gibt es auch ständig Gäste und Veranstaltungen, sie wollen Kochevents veranstalten. Die beiden sehen gelassen aus. Tragen Kapuzenpullis eines einschlägigen Fußballclubs, haben rote Wangen von den kühlen Räumen, in einen Ofen legen sie Holzscheite nach, haben sich im Arm als sie erzählen, dass ein früherer Besitzer im Winter im Dach Wasser ausgekippt hat, dann konnte man da Schlittschuh fahren, so kalt war das. Davon auch, wo sie vorher gewohnt haben: London, Paris, Dänemark, dem Mittleren Osten; dass Mecklenburg und Vorpommern nur schwer als ein Land zu begreifen sind und Mecklenburg so norddeutsch und in seiner Geschichte auch skandinavisch ist, dass man es nicht als ›Osten‹ missverstehen darf.
Die Gäste fühlen sich wohl in Rensow. Viele kommen aus den Metropolen, um hier ein Refugium zu finden, zum Denken, zum Arbeiten. Machen Ausritte, kochen, besuchen andere Gutshäuser in der Umgebung. Und spätestens seit die beiden mit dem Haus in einigen Zeitschriften wie der Geo waren, rufen ständig Leute an, um sich für eine Woche oder ein Wochenende einzumieten. Die beiden scheinen angekommen.
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