

Raphaël Domjan war 2004 39 Jahre alt. Ausgebildeter Elektroniker, Rettungsassistent, Pilot, Bergführer. Er hatte die Idee, ein Solarboot zu bauen, welches die Welt umsegelt. Angetrieben allein von der Energie der Sonne. Ein Boot photovoltaisch anzutreiben war zu dem Zeitpunkt ganz neu. Und Domjan hat das einfach umgesetzt. Jens Langwasser ist geborener Rostocker. Er hat das Boot mit gebaut und ist bei der Umsegelung der Erde dabei. Bei einer Tourpause konnte ich mit ihm über das Boot, über die Tour und über Solarenergie sprechen.
2009 kam sein Chef mit den ersten Bauzeichnungen. Die hatten noch gar nichts mit dem jetzigen Boot zu tun. Sie fingen mit Studien an, indenen es darum ging, wieviel Solarfläche sie überhaupt brauchen und wie viel Kapazität die Batterien aufweisen müssen, die am Boot das Schwerste sind. Entstanden ist ein Katamaran im Wave Piercer Design, um die Kollektoren ruhig zu halten. Ein Boot aus Kohlefaser, das Platz für 40 Personen liefert und eine Solarfläche von 537 m² aufweist. Damit ist die 31 m lange und 15 m breite ›Tûranor Planet Solar‹ heute das größte Solarboot der Welt. Es sieht ein bisschen wie ein Raumschiff aus dem Star-Trek-Universum aus, die Warp-Gondeln im Wasser. Seit Anfang 2010 ist es fertig und mit dem 1. Februar seit 492 Tagen unterwegs. Sie hat vier Motoren und arbeitet völlig geräuschlos. Hat außerdem einen Beamer für Filme an Bord, drei Rechner und eine Anlage, die 100 Liter Süßwasser aus Salzwasser herstellen kann. Zudem gibt es kaum Vibrationen auf dem Boot. Das hat Vorteile vor allem in tierreichen oder geschützten Gewässern. Darum waren sehr oft Delphine am Bug des Schiffes zu sehen, die sonst vom Motorenlärm vertrieben worden wären. Der Nachteil ist natürlich die Wetterabhängigkeit. Das ändert auch das ganze Fahrverhalten. »Alles hängt an einer Matheaufgabe und du musst schnell lernen, dass du eine Matheaufgabe nicht austricksen kannst.« Die Crew bekommt ständig Daten: »Der Wetterbericht zeigt nicht nur Wind und Wetter, sondern auch Sonnenstärke mit Wolkenpaaren. Daraus machen wir unsere Kalkulation.« Es gibt auch einen ständigen Kontakt zur Schweizer Zentrale, wo alle Daten verarbeitet werden. Das ist nicht nur Bootsbau, das ist immer auch Grundlagenforschung. Jens Langwasser erzählt, dass bei Schlechtwetterperioden stromsparend gefahren wird, wenn viel gutes Wetter kommt, kann die Energie verbraucht und mit allen vier Motoren gefahren werden. Nachts lassen sie sich treiben oder ankern.
Die Tûranor wird es nur einmal geben. Und je nach Einsatzort wird es auch immer andere Schiffe geben, da die Anzahl der Motoren, die Form des Bootes und die Solarfläche an die Wetterverhältnisse angepasst werden müssen. Darum ist die Bedeutung des Forschungsauftrages, das Sammeln dieser Wetterdaten und die Beteiligung an der Entwicklung der Wetter-Software, nicht zu unterschätzen. Dem Projekt geht es eben nicht darum, in das Guinnessbuch zu kommen oder viele Solarboote zu verkaufen. Die Idee von Domjan, erzählt Langwasser, war es, zu zeigen, dass Solarenergie wirklich nutzbar ist. Dennoch haben sie bereits einen Eintrag sicher, nämlich die schnellste Atlantikquerung mit einem Solarboot. Das vorige brauchte zwei Tage länger. Da die Solarenergie die Mission ist, nutzen sie auch die Möglichkeit vor allem mit Schülern oder Studenten in Kontakt zu kommen. Dafür haben sie ein Solar Village an Bord. Einen kleinen Pool für ein Solarschiffchen und eine Autorennbahn, die die Solarenergie greifbarer machen. Und auch die Prominenz mancher Länder kommt zu dem Boot, entweder aus Neugierde oder um den ›grünen Daumen‹ zu zeigen. Ölscheichs geben sich gern grün, Prinz Albert von Monaco war schon da und auch die liebreizende Prinzessin von Tonga.
Interessanter als die Besucher ist die Frage nach der Solartechnik. Jens Langwasser sagt, dass die Photovoltaik noch lange nicht ausgereift ist. Wenn sie auch sehr gut nutzbar ist. Das größte Problem sei heute die große Konkurrenz unter den Anbietern. Darum würden viele billige Solarprodukte verkauft und nicht mehr so intensiv in die Forschung investiert. Insbesondere die Chinesen würden schlechte verkaufen. Eine Tatsache ist auch, dass sich zwar alle sehr grün geben, Scheichs und Politiker, aber dass Parlamente mit langen Kontakten zum Golf Solar nicht unterstützen wollen. Jetzt liegt das Boot im Hafen von Abu Dhabi. Das ist am Persischen Golf. Langwasser erzählt, dass er beobachten konnte, wie bedrohlich nah sich dort amerikanische und iranische Kriegsschiffe gegenüber stehen. Dass es aussieht, als könnte die Situation jederzeit eskalieren. Außerdem befinden sie sich dort in der High Risk Zone. Das ist der Bereich internationaler Gewässer, in dem es massive Übergriffe von Piraten gibt, was zum Teil an der Überfischung der Gewässer liegt. Wahrscheinlich hat die Tûranor Planet Solar auch schon erlebt. Das war kurz vor Katar. Ein Fischerboot folgte ihr und als Männer in Schnellboote stiegen, riefen sie eine amerikanische Fregatte, die glücklicherweise in der Nähe war. Erst als deren Helicopter kam, drehten sie um. Bis zum ägyptischen Suezkanal wird es nicht ungefährlicher. Die Tûranor gilt als Catch of the Year. Die Chance angegriffen zu werden ist hoch. Und für eine Kolonne ist sie zu langsam. Ohne Hilfe kommen sie dort also nicht durch. Jens Langwasser hofft dennoch bis Mai 2012 in Monaco anzulanden und die Tour erfolgreich zu beenden. Was danach mit dem Boot geschieht ist noch nicht geklärt. Vielleicht gibt es noch eine Europatour. Die Olympiade in London wäre dafür perfekt. Vielleicht kommt es auch nach Galapagos. Solar ist für diese Region ideal. Sicher ist wenigstens, dass das Boot nicht nur Prestigeobjekt eines Scheichs werden wird.
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