Ake Edwardson, Jahrgang 1953, ist einer der beliebtesten Krimi-Autoren Schwedens. Im November hat er in Rostock gelesen und wir haben uns diese Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch nicht entgehen lassen.
Szene: Stimmt es, dass Sie keine Krimis mehr schreiben wollen, wenn der 10. Teil der „Erik Winter Krimis“ fertig ist. Denn dann müsste jetzt Schluss sein, schließlich ist der 10.Teil gerade in Schweden erschienen.
Ake Edwardson: Das habe ich letztes Jahr gesagt, aber inzwischen weiß ich das nicht mehr so genau. Vielleicht habe ich in vier oder fünf Jahren wieder Lust, einen guten Krimi zu schreiben, mal sehen.
Szene: Was macht ihrer Meinung nach einen guten Krimi aus?
A.E.: Er muss aus drei Teilen bestehen. Da gibt es also ein Verbrechen, wobei das auch außerhalb des Buches, also weit vorher liegen kann. In meinem Buch „Die Schattenfrau“ kommt zum Beispiel kein einziger Mord vor, da geht es nur um die Ermittlungen. Man braucht also ein Geheimnis, die Ermittlung und die Erlösung. Es muss aber nicht alles bis ins letzte Detail aufgeklärt werden. So etwas verwendet man gern in schlechten Krimis. Ich möchte lieber für ein intelligentes Publikum schreiben, dass in der Lage ist, selbst zu denken. Wer in seinen Krimis alles aufklärt und erklärt, zeigt nur, dass er seinen Lesern nichts zutraut. Neben dieser einfachen Dramaturgie muss der Autor unbedingt beachten, dass er die Verantwortung übernehmen muss, für seine Geschichte. Das heißt, man muss sich fragen, warum man dieses und jenes hineinschreiben will.
Szene: Was genau meinen Sie mit „Verantwortung“?
A.E.: Man schreibt als Krimiautor über Mord und Gewalt und jede Menge Blut. Es muss aber darum gehen, Empathie mit den Opfern hervorzurufen und letztlich Humanität zu fordern. Sonst kommt nur zynische grafische Gewalt dabei heraus.
Szene: Sie sollen ein Gemälde über ihrem Esstisch hängen haben, auf dem gerade jemand schießt. Ist das nicht auch zynisch?
A.E.: Das ist zu 150 Prozent pazifistisch. Erstmal hat die Figur einen riesigen Kopf und aus der winzigen Pistole kommt ein Fähnchen heraus, machen Sie sich da keine Sorgen. Außerdem habe ich nichts gegen spannende Geschichten, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich zeige nur eben gern, dass alles was man tut oder unterlässt, Konsequenzen hat und dass man deswegen für all diese Dinge verantwortlich ist. Im Grunde ist die Frage: Hatte der Autor eines bestimmten Krimis einen Scheißedetektor oder nicht.
Szene: Wie entwickeln Sie eigentlich ihre Geschichten? Haben Sie das Ende schon im Kopf, wenn Sie anfangen und ist der erste Satz wirklich der schwerste?
A.E.: Ja, so ist es. Ich habe tatsächlich das Ende schon von Anfang an vor Augen, aber bevor ich anfangen kann, warte ich auf eine bestimmte Stimmung in der Endszene. Wenn die mich ergreift steige ich in die Endszene ein und das Schreiben beginnt. Und jetzt habe ich als Dr. Edwardson noch einen guten Rat an alle Jungautoren: Vergesst den ersten Satz! Fangt mit irgendetwas an und wenn es um einen Kartoffelsalat geht, nur fangt an! Irgendwann kommt man rein in den Stoff und es läuft. Die ersten vier Kapitel kann man die Stimmung des Buches aufbauen. Bei einem Buch „In alle Ewigkeit“ war ich auf das erste Kapitel so stolz, bis meine Frau das Manuskript las und fragte, ob ich das nicht weglassen könne. So fängt das Buch mit dem ursprünglich zweiten Kapitel an und bei „Die Schattenfrau“ habe ich den letzten Satz als erstes geschrieben.
Szene: Woran arbeiten Sie denn im Moment, nun da die Arbeit an den Erik Winter Krimis beendet ist. Arbeiten Sie vielleicht wieder als Journalist?
A.E.: Ich hätte schon Lust dazu. Ich habe mich jetzt soviel mit Fiktion beschäftigt, dass ein wenig Realität wieder gut tun würde. Aber trotzdem ich die Krimis aufgegeben habe, schreibe ich gerade an einem Roman über den großen Sturm in Schweden, der vor vier Jahren das halbe Land verwüstet hat, eine tragische Komödie oder komische Tragödie, wie man will.
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